Diagnose einer Angst- und Panikstörung?
Quelle: www.therapie.de
Wenn jemand erst einmal ausgeprägte Ängste entwickelt hat, verschwinden diese meist nicht einfach wieder von alleine. Das bedeutet, dass die meisten Angsterkrankungen ohne Behandlung chronisch verlaufen und oft über Jahre oder Jahrzehnte bestehen bleiben. Darüber hinaus treten sie häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auf, insbesondere mit Depressionen und dem Missbrauch oder der Abhängigkeit von Alkohol, Drogen oder Medikamenten. So fühlen sich viele Betroffene durch die anhaltenden Ängste und die Einschränkungen im Alltag niedergeschlagen und hoffnungslos.
Andere versuchen, die Angst mit Alkohol oder Drogen zu bekämpfen und benötigen mit der Zeit immer mehr davon. Auch somatoforme Störungen treten relativ häufig zusammen mit Angsterkrankungen auf. Die Betroffenen leiden an vielfältigen wiederholt auftretenden und häufig wechselnden körperlichen Symptomen.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Mithilfe geeigneter Therapiemethoden lassen sich Angststörungen in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen. Am günstigsten ist die Prognose, wenn die Angst noch nicht allzu lange vorhanden ist. Aber auch Ängste, die bereits seit Jahren bestehen, gehen durch eine Therapie häufig deutlich zurück, so dass sich die Lebensqualität der Betroffenen meist deutlich verbessert.
Wie wird Angst diagnostiziert?
Um die Diagnose einer Angststörung stellen zu können, ist es wichtig, die aktuelle Symptomatik, die Entstehung und den Verlauf der Ängste genau zu kennen. Daher wird der Arzt oder Psychotherapeut mit dem Betroffenen zunächst ein ausführliches Gespräch führen. Fragen zur Lebensgeschichte oder zu früheren oder aktuellen Belastungen dienen auch dazu, herauszufinden, ob die Angst das hauptsächliche Problem ist oder ob sie im Rahmen einer anderen psychischen Erkrankung, etwa einer Depression, auftritt. Um genau festzustellen, wie oft und in welchen Situationen die Ängste auftreten, werden oft auch Fragebögen eingesetzt.
Da Ängste sehr häufig mit körperlichen Veränderungen wie Herzrasen, Atemnot oder Schweißausbrüchen einhergehen, muss auch überprüft werden, ob eine körperliche Ursache hinter den Symptomen stecken könnte. So kann zum Beispiel eine Überfunktion der Schilddrüse dazu führen, dass jemand unter Nervosität, Gereiztheit und erhöhter Ängstlichkeit leidet.
Auch die Symptome einer Herzerkrankung, zum Beispiel einer koronaren Herzkrankheit oder einer Angina Pectoris, können mit starker Angst einhergehen. Weiterhin können auch Medikamente wie Schilddrüsenpräparate als Nebenwirkung Ängste auslösen. Um eine körperliche Erkrankung auszuschließen, wird meist das Blut untersucht oder ein Elektrokardiogramm (EKG) durchgeführt, um die elektrische Aktivität des Herzens zu messen. Zum Teil wird auch Kopf mithilfe der Magnet-Resonanz-Tomographie (MRT) oder der Computertomographie (CT) untersucht.
Die Diagnose Angststörung kann nur gestellt werden, wenn die Angst nicht durch eine körperliche Erkrankung oder Medikamente ausgelöst wird. Ist eine körperliche Erkrankung der Grund für die Angstsymptome, verschwinden diese von allein, nachdem die Erkrankung behandelt wurde.
Wie häufig wird die Diagnose Angststörung gestellt?
Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen. Etwa fünf bis 15 Prozent der Menschen leiden mindestens einmal im Leben an einer Angststörung, dabei sind Frauen meistens doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Etwa fünf bis 15 Prozent der Menschen leiden mindestens einmal im Leben an einer Angststörung. Dabei sind Frauen von den meisten Angsterkrankungen doppelt so häufig betroffen wie Männer – es gibt aber auch Ängste, die bei Männern und Frauen gleich häufig auftreten.
Panikstörung
Bei einer Panikstörung treten vorwiegend Panikattacken auf. Panikattacken sind gekennzeichnet durch plötzlich auftretende starke Angstgefühle und ausgeprägte körperliche Symptome (Beschleunigung des Herzschlags, Übelkeit, Druckgefühl in der Bauch- und Herzgegend, Schwitzen, Zittern etc.).
Typischerweise herrscht während der Panikattacke der Gedanke vor, es sei etwas körperlich nicht in Ordnung, man würde gleich einen Herzinfarkt erleiden u.Ä.
Im Regelfall werden zunächst häufig Notaufnahmen von Kliniken aufgesucht und wiederholte körperliche Diagnostik durchgeführt, wobei jedoch keine körperliche Ursache festgestellt werden kann.
Video über Panikstörung der Stiftung Gesundheitswissen:
Kognitive Verhaltenstherapie
Als besonders wirksame Methode zur Bewältigung von Ängsten hat sich die kognitive Verhaltenstherapie herausgestellt. Bei diesem Therapieansatz geht es vor allem darum, sich den angstbezogenen Situationen oder Reizen nach und nach zu stellen und so die Erfahrung zu machen, dass die Angst mit der Zeit abklingt und die befürchteten negativen Ereignisse nicht eintreten.
Im ersten Schritt der Therapie wird zusammen mit dem Patienten erarbeitet, wie seine Ängste entstanden sind und durch welche Faktoren sie aufrechterhalten werden. Dadurch wird vielen Patienten klar, dass die Angst zum Beispiel mit einem belastenden Erlebnis oder mit lang anhaltendem Stress zusammenhängt. Dieses Wissen ist für viele Betroffene bereits eine Entlastung, außerdem stellt es die Grundlage für die folgenden Therapieschritte dar.
Auch die Information beziehungsweise die Erfahrung, dass die verschiedenen körperlichen Symptome durch Angst und nicht etwa durch eine schwerwiegende körperliche Erkrankung zustande kommen, ist für viele Patienten eine Erleichterung.
Die Konfrontation mit den Angstreizen kann „in vivo“ oder zuerst „in sensu“ und dann „in vivo“ durchgeführt werden. Der lateinische Begriff „in sensu“ bezeichnet in der Psychologie Prozesse, die in der Vorstellung ablaufen, der Begriff „in vivo“ kommt auch aus dem Lateinischen und heißt übersetzt im Lebenden und bezeichnet Reaktionen und Abläufe, die im lebenden Organismus unter physiologischen Bedingungen, also unter natürlichen Umständen stattfinden.
Vor der Konfrontation mit den Angstreizen wird zunächst eine Liste mit den verschiedenen angstbesetzten Situationen zusammengestellt. Diese werden dann von der am wenigsten bis zur am stärksten angstauslösenden Situation geordnet.
Bei der Konfrontation in sensu stellt sich der Patient die verschiedenen Situationen der Reihe nach möglichst lebhaft vor – und zwar jeweils so lange, bis die Angst ganz oder fast völlig verschwunden ist.
Konfrontationstherapie: Sich der Angst stellen
Bei der Konfrontation in vivo muss sich er sich dagegen den angstbesetzten Situationen in der Realität stellen und dabei ebenfalls in jeder Situation so lange verbleiben, bis die Angst ganz oder weitgehend zurückgegangen ist. Die ersten Situationen werden dabei meist gemeinsam mit dem Therapeuten aufgesucht, danach übt der Patient alleine weiter.
Für viele Patienten ist es zunächst eine Überwindung, sich genau den Situationen zu stellen, vor denen sie am meisten Angst haben. Ist dies aber ein paar Mal gelungen, sind viele motiviert, weiter zu üben.
Wichtig bei der Konfrontation mit den Angstreizen ist, dass keine Beruhigungsmittel eingenommen werden. Auch auf ein so genanntes Sicherheitsverhalten, zum Beispiel das Mitnehmen eines „Notfallmedikaments“ oder eines Handys, um im „Notfall“ Hilfe rufen zu können, sollen die Patienten verzichten. Der Grund dafür ist, dass sie während der Übungen die Erfahrung machen sollen, die Angst aus eigener Kraft aushalten und bewältigen zu können.
Neben diesen stufenweisen Formen der Konfrontation gibt es auch noch die Methode der Reizüberflutung („Flooding“). Dabei wird der Patient unmittelbar mit der am meisten angstauslösenden Situation konfrontiert und muss diese so lange aushalten, bis die Angst deutlich nachgelassen hat. Diese Methode wird wegen ethischer Bedenken heute aber nur noch relativ selten durchgeführt.
Ergänzt wird die Konfrontationsbehandlung meist durch Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Dabei lernt der Patient zu erkennen, welche Fehler er bei der Einschätzung einer angstauslösenden Situation macht. Zum Beispiel überschätzt er die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Schlimmes passieren wird oder er hat übertriebene Katastrophenfantasien. Im Lauf der Therapie sollen die fehlerhaften Bewertungen durch eine realistischere Sicht der Dinge ersetzt werden.
Besonderheiten bei der Therapie der Blutphobie
Eine Blut- oder Spritzenphobie wird im Prinzip ähnlich wie andere Angststörungen behandelt: Die Betroffenen werden unter Anleitung zunächst mit den weniger beängstigenden und nach und nach mit immer stärker angstauslösenden Reizen konfrontiert – jeweils so lange, bis die Angst deutlich zurückgeht.
Um gleichzeitig zu verhindern, dass eine Ohnmacht auftritt, erlernen die Patienten vor der Konfrontation die Methode der „Applied Tension“, der angewandten Anspannung. Zunächst üben sie, die Oberschenkelmuskeln etwa 15 bis 20 Sekunden lang fest anzuspannen, was dem „Absacken“ des Blutes im Körper entgegenwirkt. Anschließend werden die Patienten Schritt für Schritt mit den Angstreizen konfrontiert und sollen dabei jedes Mal die Oberschenkelmuskeln anspannen, wenn sie erste Anzeichen einer Ohnmacht (z. B. Schweiß auf der Stirn, Ohrensausen) bemerken. Die Muskelspannung sollen sie so lange beibehalten, bis die Anzeichen der Ohnmacht wieder verschwunden sind.
Auf diese Weise lernen die Betroffenen schnell, dass der Kontakt mit Spritzen oder Blut nicht zwangsläufig zu einer Ohnmacht führt. Daher lässt sich die Blutphobie mit dieser Methode häufig in relativ kurzer Zeit erfolgreich behandeln.
Psychoanalyse und tiefenpsychologische Verfahren
Bei diesen Therapieansätzen wird versucht, gemeinsam mit dem Patienten den unbewussten Konflikt, der hinter den Ängsten steckt, aufzudecken. Dieser wird anschließend „bearbeitet“. Dazu werden die Gefühle, die zu dem Konflikt geführt haben, wachgerufen, so dass der Patient ihn praktisch nochmals durchlebt.
Der Patient lernt in der Therapie auch, auftretende Ängste besser bewältigen zu können. Durch die Therapie soll die mit dem Konflikt verbundene Angst überflüssig werden und dadurch wieder verschwinden.